Dass Geschichte allgegenwärtig ist, wird uns Tag für Tag vor Augen geführt, auch wenn wir es selbst nur in den seltensten Fällen bewusst wahrnehmen. Allein ein Gang durch die Stadt Lingen mit offenen Augen kann das Bewusstsein für Geschichte, die bis in die Gegenwart präsent und spürbar ist, maßgeblich schärfen.
Ob Stolpersteine, Pulverturm oder Historisches Rathaus – Lingen bietet vielerlei historische Elemente auf.
Doch neben all diesen sehr bekannten und offensichtlichen Elementen existieren auch solche, die weniger auffällig oder Aufmerksamkeit erhaschend sind. Unscheinbare Straßenschilder, die nicht aus unserem Alltag wegzudenken sind, machen ebenfalls Geschichte greifbar. Die Benennung einzelner Straßen war niemals bloß ein willkürlicher Entschluss aus einer menschlichen Laune heraus und sie wird dies auch nie sein. Vielmehr diente sie seit jeher dazu, auch an der Sinnstiftung und Herausbildung bestimmter Narrative mitzuwirken. Straßenschilder und die auf ihnen aufgeführten Namen sollen erinnern, ehren oder mahnen.
Doch mit dem Wandel der Zeit verändern sich auch Welt- und Menschenbilder einer Gesellschaft. Was einst ehrwürdig und nobel war, wird nun mit der Brille der Gegenwart wesentlich kritischer beäugt oder gar verurteilt. Umso wichtiger ist es daher, dass man vor allem die historischen Persönlichkeiten, die hinter dem gewählten Namen stehen, betrachtet und ihr Wirken neu bewertet.
Dieser Aufgabe stellte sich die Klasse 9a im Kontext des Religionsunterrichts. Unter der Leitung von Frau Büscherhoff widmeten sich die Schülerinnen und Schüler den theologischen Grundlagen des Judentums und rückten dabei Ausformungen des historisch über Jahrtausende gewachsenen und neuerlich aufkeimenden Antisemitismus in den Fokus. Unter dem Leitsatz "sich erinnern und Verantwortung übernehmen" versuchten die Schülerinnen und Schüler zu untersuchen, inwieweit Formen des Antisemitismus noch immer in unsere gegenwärtige Gesellschaft hineinwirken. Im Laufe dieser Nachforschungen stießen die Jugendlichen schließlich auf eine von der Stadt Lingen angestrengte Untersuchung einiger Straßennamen, die auf historisch umstrittene Persönlichkeiten verweisen.
Aufgrund ihrer politischen Verbindungen und ihres Wirkens im Dritten Reich wurden diese Persönlichkeiten einer eingehenden Überprüfung unterzogen. Die Ergebnisse dieser Überprüfung wurden schließlich in einer Wanderausstellung gebündelt visualisiert, die zeitweise im Forum der Marienschule zu besichtigen war und mit der sich die Schülerinnen und Schüler der 9a intensiv auseinandersetzten. Nicht zuletzt wurden in Folge der Beleuchtung der vom Rat der Stadt Lingen vorgenommenen Überprüfung auch die veröffentlichten Ergebnisse und Beschlüsse kritisch beurteilt.
Dank dieser aufwendigen und sorgfältigen Erarbeitung des zugrundeliegenden Themenkomplexes waren die Jugendlichen dazu in der Lage, interessierten Mitschülerinnen und Mitschülern fachkundige Einblicke in die differenzierte Auseinandersetzung mit Straßennamen zu gewähren.